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«Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Heute begegnen viele Menschen der Kirche fast ausschliesslich an einschneidenden Lebensübergängen. Ein Gespräch mit Pfarrer Hugo Gehring.»
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Nahtstellen des Lebens
Sr. Maria-Amadea
Kloster Heiligkreuz, Cham
49, Kirchenmusikerin (Orgel B) und Komponistin
Schlägt sich die schwindende Kirchenbindung in der Nachfrage nach Sakramenten nieder? Hugo Gehring: In meinem Fall nein, doch ich bin wohl kein typisches Beispiel. Seit ich hier in St. Peter und Paul Winterthur Pfarrer bin, halte ich konstant 12 bis 15 Trauungen pro Jahr. Aber nur etwa drei betreffen Paare, die zu meiner Pfarrei gehören. Die meisten sind Auswärtige, die mich anfragen, weil sie mich von der Schule her kennen, denn ich habe während zehn Jahren an Gymnasien Religionsunterricht erteilt und meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler sind nun alle im heiratsfähigen Alter. Und wie sieht es bei den Taufen und Beerdigungen aus? Die Zahl der Beerdigungen liegt seit langem bei rund 50 pro Jahr. Da gibt es kaum Schwankungen. Und auch bezüglich Taufen verzeichnen wir keine Abnahme, sondern eher einen Boom, wobei es ebenfalls viele Fremdtaufen sind. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass es lange Zeit in Winterthur nur unsere Kirche gab und deshalb immer wieder Leute aus der Agglomeration ihre Kinder bei uns taufen möchten, weil die Grossmutter oder sonstige Angehörige schon in dieser Kirche getauft wurden. Überdies haben wir eine schöne Krypta, die gerade für Familienfeiern sehr beliebt ist. Und wie bei den Trauungen werde ich auch für Taufen oft von ehemaligen Schülerinnen und Schülern angefragt. Bleiben wir bei der Taufe. Was sind da die Motive? Warum lassen heute junge Eltern ihre Kinder taufen? Angsttaufen gibt es zum Glück keine mehr. Die Vorstellung, dass nur getaufte Kinder in den Himmel kommen, scheint definitiv überwunden. Die meisten Eltern wollen Dankbarkeit zeigen und ihr Kind unter einen Schutz stellen. Sie möchten einen Segen für ihr Kind. Das sind die stärksten Motive. In erster Linie ginge es bei der Taufe aber um die Aufnahme eines Kindes in die kirchliche Gemeinschaft. Taufe ist für die meisten ein Familienfest rund um das neugeborene Kind. Es sind individualistische Motive, die im Vordergrund stehen, ein Gemeinschaftsbezug kommt kaum mehr vor – weder bei der Taufe noch bei der Hochzeit oder Beerdigung. Die Leute kaufen bei uns auf sie zugeschnittene Dienstleistungen ein. Für uns ist das insofern problematisch, als wir uns als Glaubensgemeinschaft verstehen und nicht als Dienstleistungsanbieter. Hier klaffen Innen- und Aussenwahrnehmung schon sehr auseinander. Wenn ich Auswärtigen nahelege, ihr Kind in ihrer Wohnpfarrei zu taufen, stosse ich auf völliges Unverständnis. Ist das für Sie nicht frustrierend? Es ist schon befremdend, wenn Brautpaare durchblicken lassen, dass sie nur deshalb in der Kirche heiraten möchten, weil es da schönere Fotos gibt. Doch selbst aus einer solchen Situation noch etwas Stimmiges zu machen, ist für mich eine grosse Herausforderung. Ich meine, wir dürfen nicht hartherzig werden und Leute abweisen. Es hat auch schon Paare gegeben, die wünschten, dass ich das Wort «Gott» so sparsam wie möglich verwende, weil sie damit nicht viel anfangen können oder in der Kindheit religiös «überfüttert» worden sind. Wie reagierten Sie darauf? Ich habe ihnen jeweils erklärt, dass die Bibel selbst – zumindest das Alte Testament – den Gottesnamen gern umgeht und ersetzt. Diese Paare frage ich dann: «Glauben Sie an die Liebe?» Wenn sie «Ja» sagen, reicht mir das. Bei der Hochzeit feiern wir, dass zwei Menschen bereit sind, bedingungslos und unbegrenzt zueinander Ja zu sagen. Das ist das Heilige daran, und deshalb liegt über diesem Ja ein Segen. Aber wären solche Leute nicht bei freiberuflichen Ritualberatern an der richtigen Adresse? Vielleicht. Doch wenn sie mich als Ritualgestalter wählen, dann wählen sie eben mich und dann habe ich die Möglichkeit, eine christliche Färbung hineinzubringen. Wie viel Gestaltungsraum lassen Sie denn den Leuten? Da kommen bestimmt auch ausgefallene Wünsche. Taufen am Bach ist ein Wunsch, der ab und zu geäussert wird. Das mache ich aber nicht, denn Taufe hat einen Bezug zur Kirche und soll deshalb in einem Kirchenraum stattfinden. Auch Trauungen mache ich so gut wie nie im Freien. Ansonsten bin ich recht flexibel, was beispielsweise Text- oder Musikwünsche angeht. Sie scheinen mit dem Dienstleistungs- und Konsumdenken gut umgehen zu können. Stört es Sie nicht, dass Sie Leuten Sakramente spenden müssen, die ansonsten mit der Kirche nichts am Hut haben? Man kann das als Konsumdenken karikieren. Grundsätzlich bin ich froh und dankbar, dass es eine Kerngemeinde gibt, die nicht nur so denkt. Doch wir leben nun mal in einer Konsumgesellschaft und in einem Überfluss-Schlaraffenland, wo man sich einfach bedient und wo man das nimmt, was man gerade will und braucht. Kein Mensch kann aus dem einfach aussteigen. Damit müssen wir leben. Kommen auch aus der Kirche Ausgetretene, die sich kirchlich trauen oder ihr Kind taufen lassen möchten? Was machen Sie da? Ich bin nicht restriktiv, am wenigsten bei Beerdigungen. Bei Trauungen kommt es öfters vor, dass einer der beiden dem anderen zuliebe einer kirchlichen Feier zustimmt. Ich benütze Vorbereitungsgespräche auch nicht, um zu prüfen, ob die Leute genug gläubig sind, und verlange keine «fromme» Begründung, warum jemand heiraten oder taufen will – das würde nur Heuchelei fördern. Manchmal nenne ich von mir aus im Gespräch solche Begründungen wie Dankbarkeit für ein Kind. Versteht der «Durchschnittskatholik» Ihrer Meinung nach die Sakramente überhaupt noch? Eine genaue Definition könnte wohl kaum jemand liefern. Doch ich stelle immer wieder grosses Interesse, ja geradezu ein Wissensbedürfnis in Sachen Religion und Kirche fest. An Elternabenden beispielsweise zeigt sich das sehr eindrücklich. Meiner Erfahrung nach haben die meisten Menschen einen wie auch immer gearteten Gottesbezug und damit auch eine Offenheit für Sakramente. Was wir anbieten können, ist der äussere Ausdruck und die Form dafür. Das Wesentliche ist und bleibt aber das innere Geschehen. Gibt es Situationen in der Seelsorge, wo Sie ein Ritual vermissen? Meiner Meinung nach sind wir in der katholischen Tradition sehr reich an Ritualen und es steht uns ein breites Instrumentarium zur Verfügung. Mit den Höhe- und Tiefpunkten des Lebens können wir, glaube ich, umgehen – im individuellen wie im kollektiven Rahmen. Ich jedenfalls habe noch nie neue Riten erfunden. Wird durch die Feiern an Wendepunkten des Lebens bisweilen auch Kircheninteresse geweckt? Entwickelt sich manchmal etwas weiter? Am ehesten ist das bei der Kindertaufe der Fall. Da kommt es schon vor, dass etwas angestossen wird, was vorher lange Zeit geruht hat. Das geht dann vielleicht weiter mit Eltern-Kind-Feiern, Engagement im Heimgruppenunterricht oder Ähnlichem. Auch Beerdigungen können Anlass sein, alte Kirchenbilder zu revidieren und einen neuen Zugang zu finden. Liegt also aller Konsumhaltung zum Trotz eine grosse Chance in den kirchlichen Ritualen? Schwer zu sagen. Für mich ist in meiner Arbeit die Spiritualität des Sämanns, wie ich das nenne, zentral: Ich habe den Auftrag zu säen und nicht zu fragen, ob auch etwas wächst. Denn wachsen lassen kann ich nicht, ich kann nur säen. Was daraus wird, liegt nicht in meiner Hand. Dieses Gespräch erschien erstmals in der Ausgabe 25/2007. Unser Gesprächspartner Hugo Gehring war bereits damals Pfarrer in St. Peter und Paul in Winterthur. Text: Judith Hardegger
©2019 Henry Aurich Bild von :https://www.peterundpaul.ch/person/hugo-gehring
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