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ev.Gottesd. Eine Spiegelgeschichte
«Der verlorene Sohn» ist sehr bekannt. Um das Gleichnis neu zu erleben, hilft es, neben der biblischen Geschichte ein Update zu erzählen, eine Spiegelgeschichte. Mit ihrem Kinderbuch «Der verlorene Otto» ist der Filmregisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie eine solche Spiegelgeschichte gelungen. Sie überträgt das Gleichnis vom verlorenen Sohn in die Erlebniswelt von heutigen Kindern, Familien und Erwachsenen – natürlich ohne es explizit zu sagen. Das geht so:
Eines Morgens hat Otto die Nase voll. Seine Mutter meckert ständig, der Vater schimpft am laufenden Band, während seine Schwester Emilia, die doofe Streberin, immer nur gelobt wird. Otto findet das «hundsblöd», packt sein gespartes Taschengeld und sein Schlaftier Puschl und zieht los. Plötzlich kann er schreien, soviel er mag. Er kann in jeden Dreck springen, so oft ihm danach ist. Er verbringt einen wunderbaren Tag und erweitert seine Welt, immer begleitet von den Gesprächen mit seinem Schlaftier Puschl, das die Verbindung nach Hause aufrechterhält. Als die Nacht hereinbricht, stellt sich Otto die Frage, ob es richtig war, abzuhauen. Als ihm kalt wird und der Magen zu knurren beginnt, beschliesst er, nach Hause zurückzukehren. Wieder zuhause, ist Ottos Vater so erleichtert, dass er Schinkennudeln kocht – Ottos Lieblingsessen. Durch herrliche Zeichnungen von Jacky Gleich illustriert, präsentiert Doris Dörrie eine Nacherzählung der biblischen Geschichte, ganz ohne moralischen Zeigefinger. Der Fokus liegt auf dem Entwicklungspotential in den Entscheidungen von Otto. Seine Schwester Emilia übernimmt die Rolle des älteren Bruders im biblischen Gleichnis. «Wenn ich abhauen würde, würdet ihr euch nicht so grosse Sorgen machen», klagt sie. Gleichzeitig sagt sie aber auch zu ihrem Bruder: «Es war doof ohne dich.» Ein nachgeschobenes Schlussbild zeigt Emilia, wie sie mit ärgerlicher Miene und gepackter Tasche wegläuft. Ottos Geschichte ist auch Emilias Geschichte. Der barmherzige Vater des Gleichnisses wird im Bilderbuch von einer barmherzigen Mutter ergänzt. Die Sprache des Buches ist knapp, klar, oft hart, aber herzlich: «Entschuldigung», sagt Otto vor dem Schlafengehen. «Gute Nacht, Blödmann», sagt seine Schwester. «Gute Nacht, Blödfrau», reagiert Otto und das Schlaftier Puschl bringt alles auf den Punkt: «Hauptsache, wir sind alle wieder da.» Ein wunderbares Gleichnis für unsere Tage, das einen spannenden Blick ins Reich Gottes eröffnet. Jedenfalls könnte es so sein, denke ich mir. Text: Christian Cebulj, Rektor der THChur und Professor für Religionspädagogik
Spiritualität ganz alltäglich
«Bitte nicht berühren!» – Diese Anweisung findet sich zum Beispiel im Museum oder im Zoo. Den Beobachtern von kostbaren Ausstellungsobjekten oder wilden Tieren wird damit gesagt, dass sie beim Betrachten in sicherer Distanz bleiben sollen. Auf diese Weise werden beide Seiten geschützt: «Bitte nicht berühren!» Menschen allerdings brauchen Berührung. Sie zählt zu den elementaren Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Schlafen. Als Kleinkinder bekommen wir sie von unseren Eltern – hoffentlich. Im Sterben bleibt – hoffentlich – niemand ohne eine Hand, die hält, und die spürt, wann loszulassen ist. Und dazwischen? Natürlich weiss ich, dass es auch verletzende, missbräuchliche Berührungen gibt, an denen Menschen teilweise ein Leben lang leiden. Ihnen gilt mein erster Gedanke – und die Hoffnung, mit den folgenden Zeilen nicht unnötig aufzuwühlen und alte Wunden aufzureissen. Dennoch sollten wir nicht vergessen: Es gibt nicht nur missbräuchliche Berührungen, es gibt auch fehlende Erfahrungen von Zärtlichkeit und Berührung! Dieser Mangel ist weniger leicht zu beheben als ein Mangel an Vitaminen und ist definitiv nicht weniger gravierend. Dazu fällt mir ein Erlebnis ein, das ich nicht mehr vergessen kann: Auf einem Spaziergang begegnete ich einer Frau mit ihrem Hund. Wir begrüssten uns und sprachen eine Weile miteinander. Dabei strich mir der Hund um die Beine, und ich streichelte sein weiches Fell. Dann gingen wir unseres Weges. Unversehens kam mir der Gedanke: «Jetzt habe ich die ganze Zeit den Hund gestreichelt – und ihm fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Frau. Vielleicht hätte sie auch etwas mehr Zuwendung gebraucht?!» Könnte es sein, dass manche Haustiere mehr Zuwendung und Streicheleinheiten bekommen als die weiteren Hausgenossen? Wieso diese Berührungsängste – und sei es bloss dort, wo es darum ginge, einer Nachbarin auf die Schulter zu klopfen und für die tolle Nachbarschaft im Haus zu danken? Auch in Beziehungen: Warum diese Sprachlosigkeit im Körperlichen, obwohl wir damit vielleicht mehr zum Ausdruck bringen können als mit vielen Worten? In vielen biblischen Heilungsgeschichten lesen wir, dass Jesus ungeniert kranke und leidende Menschen berührt, seine Hände auflegt. Mit heilsamen Berührungen lassen sich nicht alle Probleme lösen. Aber sie gehören zum Repertoire menschlicher Zuwendung und Kommunikation – und manchmal wirken sie ganz wunderbar.
Forum Ausgabe  03/2020
Kardinal Marx: Frauenfrage nicht nur deutsches Thema
Zum Beginn des Synodalen Wegs äußert sich Kardinal Reinhard Marx zur Frage nach mehr Verantwortung für Frauen in der katholischen Kirche. Das vollständige Interview mit Kardinal Reinhard Marx lesen Sie in Ihrer Kirchenzeitung.
Die Frauenfrage in der Kirche wird nach Ansicht des Kardinals Reinhard Marx auch außerhalb Deutschlands und Europas diskutiert. Die Bewegung hin zu stärkerer Verantwortung der Frauen gehe in allen Kulturen weiter, erklärte der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz in einem Interview für die deutsche Bistumspresse. Das sei nur eine Frage der Zeit. In seinen Gesprächen überall in der Welt spüre er das, auch bei den Bischofsversammlungen in Rom. Bei der Frage nach einer Priesterweihe der Frauen, die derzeit von der Kirche abgelehnt wird, dürfe nicht so getan werden, als seien schon alle Argumente ausgetauscht. "Wir haben eine sehr starke Stellungnahme von Johannes Paul II. Ich kann nicht erkennen, wie man ein so starkes lehramtliches Zeichen überwinden kann", räumte der Münchner Erzbischof ein. Die Diskussion darüber halte er aber für nicht beendet. Dabei gehe es nicht nur um ein Ja und Nein, sondern um eine vertiefte Wahrnehmung des Textes von Johannes Paul II. wie auch der Äußerungen von Theologen dazu. Der kirchliche Reformdialog in Deutschland könne diese Debatte nicht entscheiden, stellte der Kardinal klar. Der Synodale Weg könne aber eventuell ein Votum abgeben, etwa im Sinne von: "Wir haben den Eindruck, hier muss weiter reflektiert werden." Das wäre aus seiner Sicht schon ein großer Schritt. Schließlich sagten manche, dass darüber nicht einmal mehr nachgedacht werden dürfe. Ein Diskussionsverbot sei jedoch in "unserer Kultur" nicht durchführbar. Letztlich gehe es in dieser und in anderen Fragen darum, ob eine lehramtliche Weiterentwicklung möglich sei. Marx äußerte sich wenige Tage vor Beginn der ersten Synodalversammlung der Reformdebatte der katholischen Kirche am 30. Januar in Frankfurt. kna
Debatte um das Zölibat-Buch von Kardinal Robert Sarah Untiefen eines Missverständnisses? "Robert Sarah: Aus den Tiefen unseres Herzens. Mit einem Beitrag von Papst emeritus Benedikt XVI." So etwa könnte der Titel des Buches lauten, das seit Sonntagabend in der katholischen Kirche für viel Wirbel gesorgt hat. Auf dem Einband wäre nur der Kardinal aus Guinea zu sehen, nicht zusätzlich der frühere Papst. Denn dieser hat in dem Buch, das am Mittwoch zunächst in Frankreich erscheinen sollte, nur einen Text verfasst. Nicht mitverfasst hat er Sarahs eindringliche Mahnungen an seinen Nachfolger Franziskus, von jeglicher Lockerung der Zölibatspflicht abzusehen. Will man aus dem Wirbel um das Buch Lehren ziehen, wären es wohl drei: Der Zölibat in der Kirche bleibt ein auffallend emotionales Thema. Angesichts unvollständiger Faktenlagen ist mehr Zurückhaltung in Debatten angemessen. Die Institution eines zurückgetretenen Papstes wäre bei einer weiteren Kurienreform mit zu bedenken. Was geschehen ist: Am Sonntagabend veröffentlicht die Zeitung "Le Figaro" Auszüge aus dem Buch "Des profondeurs de nos coeurs" (Aus den Tiefen unserer Herzen) und ein Interview mit Sarah. Am Montagvormittag schaukeln sich die Wogen auf: Der emeritierte Papst falle seinem Nachfolger Franziskus in den Rücken. Die FAZ sieht den "Geist des Schismas" aus der Flasche entlassen, "Bild" erklärt gar einen "Krieg der Päpste". Für konservative Kommentatoren, die eine mögliche Öffnung der Zölibatspflicht durch Franziskus befürchten, ist das Buch ein klares Stopp-Signal. Nur wenige scheinen dabei den Inhalt des kompletten Buches zu kennen; ein Großteil der Debatte fußt auf dem "Figaro". Mehr Zurückhaltung hätte gut getan Zu diesem Zeitpunkt geht es für die Beteiligten anscheinend darum, sich jeweils möglichst gut aus der Affäre zu ziehen. Sarah entgegnet per Twitter, er habe Benedikt XVI. schon am 19. November ein komplettes Manuskript inklusive Deckblatt zugeschickt. Derweil erklärt Gänswein, es habe sich "um ein Missverständnis" gehandelt - "ohne dabei die guten Absichten von Kardinal Sarah in Zweifel zu ziehen." Während Nicolas Diat vom Verlag Fayard wissen lässt, Sarah habe seine Korrekturanweisungen übermittelt, wendet sich die mediale Debatte des vermeintlichen Schismas zu. Etwas mehr Zurückhaltung, so bekennen Beobachter, hätte nicht geschadet - schraubte sich die Debatte doch nur aufgrund einer Vorabveröffentlichung hoch: starke Zitate, teils ohne Kontext, von interessierten Seiten jeweils für sich gedeutet. Dann bleibt da noch das Problem eines "Papa emeritus". Egal, wie oft Benedikt XVI. und andere sagen: "Es gibt nur einen Papst: Franziskus", zwingt der als Höflichkeitsanrede erdachte Begriff dazu, über den emeritierten Bischof von Rom nur mit dem Wort "Papst" sprechen zu können. Hinzu kommt das Bild der weißen Soutane. Tatsächliche oder vermeintliche Meinungsunterschiede zwischen früherem und aktuellem Amtsinhaber lassen sich so viel leichter verbreiten. kna
"Ich bin ein alter Mann am Ende meines Lebens" Schwestern mussten lernen, bayerisch zu kochen Im Eingangsbereich des Hauses fällt der Blick auf ein reich verziertes Lebkuchenherz vom Münchner Oktoberfest. Besucher hatten es mitgebracht. "Eigentlich sollte das irgendwo in die Küche", erklärt der aus dem Schwarzwald stammende Erzbischof. "Aber unsere Schwestern meinten, es solle für alle sichtbar sein. Denn wo ein Herz die Gäste empfange, müsse man sich geborgen fühlen." Mit den Schwestern meint er die italienischen Nonnen, die seit dem Einzug Benedikts in den Apostolischen Palast 2005 den päpstlichen Haushalt führen und ihm auch in den Ruhesitz gefolgt sind. Aus der Küche zieht der Duft süßer Mehlspeisen durchs Haus. "Am Anfang mussten die Schwestern lernen, auch bayerisch zu kochen", verrät Don Georg. Das Haus steckt voller Erinnerungen an Ratzingers bayerische Heimat. Familienfotos, eine Kopie der Patrona Bavariae, ein Bild vom Geburtshaus in Marktl am Inn, ein Palmbuschen aus dem Chiemgau im Herrgottswinkel. Die Welt eines Mannes, der nach Lage der Dinge sein Heimatland nicht mehr wiedersehen wird und nur in Gedanken dorthin zurückkehren kann. "Ich bin ein alter Mann am Ende meines Lebens", antwortet Benedikt XVI. auf die Frage nach seinem Befinden. Seine Worte sind nur ein Flüstern, seine Stimme schwach und brüchig. Er sitzt, Kopf und Schultern leicht vorgebeugt, in einem grauen Lehnstuhl. Doch seine Augen sind lebhaft und wach. Auch seinen Sinn für Selbstironie hat er nicht verloren: "Früher hatt' ich ein großes Mundwerk; jetzt funktioniert es nimmer", haucht er fast entschuldigend und lächelt. Seine Tage folgen noch immer einem geregelten Ablauf. Der Morgen beginnt mit der Messe in der Klosterkapelle, gemeinsam mit der Hausgemeinschaft. Predigen kann der Papa emeritus inzwischen nicht mehr. Viel Zeit verbringt Benedikt in seinem Büro, dessen Wände ringsum mit überfüllten Bücherregalen verkleidet sind; darunter natürlich die gesammelten Werke des Theologen Josef Ratzinger. "Alle Stationen meines Lebens sind in diesen Büchern enthalten", sagt er. Ob er hier noch täglich arbeite? "Ja schon, das gehört sich." Auch wenn er keine lange Texte mehr schreiben könne.
Bischof Wolfgang Ipolt Papst emeritus Benedikt XVI.