Eine Kultur der Schwindelei
Die USA stecken in einem Zeitalter der Trickserei. Betrug gilt als legitim – wenn er nur den «richtigen» Interessen gilt.
Kommentar von Elisabeth Bronfen
Wie prägend Schwindelei zum kulturellen Selbstverständnis der
Amerikaner gehört, lässt sich daran festmachen, dass es für den Trickbetrug
mehr als ein Dutzend Wörter gibt. Beim Flimflam nutzt man einen
geschickten Taschenspielertrick, um jemanden um sein Geld zu bringen. Ein
Trickster täuscht andere durch seine Schläue und stiftet damit
Verwirrung. Ein Imposter gibt vor, jemand anderer zu sein, um einen höheren
gesellschaftlichen Status zu erlangen. Der Grifter setzt seine
psychologischen Tricks in einem fortlaufenden Spiel mit der Gutgläubigkeit
seines Opfers ein. Und der Con Man – der Aristokrat unter den Gaunern
– inszeniert ein einmaliges und komplexes Schauspiel, um andere um viel
Geld zu bringen.
Die Wirkungsmacht, die all diese Gauner haben, lässt sich als Kehrseite
des uramerikanischen Optimismus verstehen. Seit Benjamin Franklin, einer
der Gründungsväter, sich in seiner Autobiographie zur Ikone des
Selfmademan stilisiert hat, zählt trickreiche Selbstoptimierung zur
nationalen Tugend. Man darf nicht nur jede Gelegenheit ergreifen, um
seinen Wohlstand und sein Ansehen zu verbessern. Man soll auch sein ganzes
Vertrauen in das Versprechen setzen, dass dieses Land einem
unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Was zählt, ist die oberflächliche
Erscheinung, nicht das, was sich darunter verbirgt.
Keiner hat die zerstörerische Seite des amerikanischen Traums so
präzise dargestellt wie F. Scott Fitzgerald in seinem Roman «The Great
Gatsby» von 1925. Sein Titelheld hat sich als 17 Jähriger eine neue
Identität zugelegt. Nach Ende des Ersten Weltkrieges ist er zu dem
erfolgreichen Businessman geworden, den er sich in seinen
jugendlichen Wunschfantasien ersonnen hat. Die rauschenden Feste in seiner
prunkvollen Villa verdecken seine ärmliche Herkunft. Sein
einnehmendes Lächeln verführt andere dazu, an dem Trug teilzunehmen,
obgleich sie den Schein durchschauen. Sie hegen den Verdacht, dass
dieser Luxus auf kriminellen Aktivitäten beruht. Gleichwohl beeindruckt sie
die Hartnäckigkeit, mit der Jay Gatsby an seinem grandiosen
Selbstentwurf festhält. Doch diese Zuversicht erweist sich als schrecklich.
Sie basiert auf einer Hoffnung, die in keiner Realität verankert ist. Sie
kommt einem Selbstbetrug gleich. Wenn er den Glauben an seinen Traum
verliert, dann ist er nichts. Um die sen aufrechtzuerhalten, sind ihm
deshalb alle Mittel recht. Selbst die Verleugnung der Tatsachen, die für ihn
fatale Konsequenzen haben werden: Er hatte sich eingeredet, sei ne
ehemalige Geliebte würde ihre Familie für ihn verlassen. Am Ende treibt
seine Leiche in seinem Swimmingpool. Er wurde Opfer einer Lüge, mit
welcher sein Nebenbuhler ihn aus dem Weg räumen lässt.
Auch auf der politischen Bühne macht sich der Trickbetrug breit. 2016
hat Michael Bloomberg auf dem Bundesparteitag der Demokraten vor der
Wahl des Businessman Donald Trump gewarnt: «I’m a New Yorker and I
know acon when I see one.» Trumps Konkurse waren zwar da mals ebenso
bekannt wie seine Prozesse, doch seine Anhängerschaft hat ihn für seine Täuschungen bewundert. Seither leben wir in einem Zeitalter der Trickster. Es wird immer
schwieriger, zwischen Ernst und Spiel zu unter scheiden. Verluste werden als Gewinne verkauft. Lügen werden offen zugegeben, weil sie vermeintlich die Aufmerksamkeit auf
reale Probleme lenken. Obwohl leere Versprechungen als solche durchschaut werden, haben sie Gewicht. Enttäuschung führt nicht zu einer ernüchterten Einschätzung der
Situation. Vielmehr obsiegt im ganzen politischen Spektrum das Verlangen nach Narrativen, in die man erneut sein Vertrauen setzen kann. Die Midterms werden zeigen,
welche Farbe dieser Glaube trägt.