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Seit 2015 ist Martin Brunner Direktor von missio Schweiz. Was versteht er unter dem heiklen Begriff «Mission»?
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«Ich wollte gar nicht in die Mission»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort Mission hören? Weisse Missionare mit langen Bärten und Tropenhelm in Afrika? Kolonialisierung und Dominanz der Weissen in Lateinamerika? Tatsächlich verbinden viele diese Bilder mit dem Wort Mission, vor allem im kirchlichen Kontext. Die Missionsbegeisterung ab der Mitte des neunzehnten und bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hat dieses Image geprägt. Auch meines. Auf jeden Fall wollte ich als junger Mann lieber in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein als in der Mission. Mission klang mir zu verstaubt und war ein sperriger Begriff. Trotzdem landete ich als «Misionero» in Bolivien. Auf dem Weg dorthin musste ich viele Vorurteile revidieren. Es geht um Begegnung … Um was geht es in der Mission wirklich? Auf jeden Fall nicht darum, möglichst viele Mitglieder für die Kirche zu gewinnen. Das sagt auch Papst Franziskus in seiner Videobotschaft zum Fest des Heiligen Kajetan deutlich: «Gehst du, um jemanden davon zu überzeugen, katholisch zu werden? Nein, nein, nein! Gehe, um ihm zu begegnen, er ist dein Bruder (deine Schwester)! Das allein genügt.» Das scheint wenig zu sein. Einfach nur Begegnung? Gemeint ist eine bestimmte Art von Begegnung. Eine, die offen ist für das Wirken Gottes. In einer solchen Begegnung erkennen wir im Mitmenschen den Bruder oder die Schwester, mit denen sich Jesus identifiziert. Es handelt sich also um tief-menschliche Begegnungen. «Und wenn du ihm begegnest», fährt Papst Franziskus weiter, «dann macht Jesus den Rest.» Der erste und wirkliche Missionar ist und bleibt demnach Gott selber. Wenn Menschen, mögen ihre Hintergründe noch so verschieden sein, sich begegnen und über das austauschen, was das Leben trägt und ihm Sinn verleiht, dann wird Gottes Präsenz spürbar. … und hinausgehen… Es gibt nur noch wenige Missionarinnen und Missionare aus Europa. Die Leitung der Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Asien haben längst Einheimische übernommen. Ist die Mission nun zu Ende? Ja, wenn damit die vom europäischen Überlegenheitsgefühl geprägte Mission gemeint ist, dann ist sie wirklich zu Ende. Das ist auch gut so. Hat nun die Kirche keine Mission mehr? Nein, überhaupt nicht, würde Papst Franziskus sagen. Ihm ist wichtig, dass sich die Kirche nicht in der Sakristei verkriecht. «Mir ist eine ‹verbeulte› Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.» Bisher galt die Mission dem globalen Süden; für Papst Franziskus gilt sie für die ganze Kirche. …und Verbundenheit Vor wenigen Jahren war ich mit einem Gast, dem tansanischen Kapuziner Br. William Ngowi, mit dem Zug unterwegs. Wir sprachen angeregt über viele Themen der Kirche und des Glaubens, als er mir fast unvermittelt sagte: «Martin, vergiss nicht, wir beten das Vaterunser.» Ich war zuerst etwas erstaunt über diese Selbstverständlichkeit. Doch er wiederholte sich: «Martin, wir beten das Vaterunser.» Nun begriff ich, worauf er hinauswollte. Unser wichtigstes Gebet wird im Plural gebetet, selbst dann, wenn ich ganz allein bin. Es kommt wohl niemandem in den Sinn, ein Vatermein zu beten. So beten wir immer in Gemeinschaft mit Menschen irgendwo auf der Welt. Das ist doch eine wohltuende Gewissheit und wichtig für unser Kirchenverständnis als Katholikinnen und Katholiken. Diese Verbundenheit über alle kulturellen und geographischen Grenzen hinaus wird im Monat der Weltmission Oktober besonders gepflegt. Es ist immer wieder ermutigend zu erfahren, wie Gläubige in anderen Ländern versuchen, das Evangelium zu leben, sei es in Bangladesch, Burundi oder in den Amazonas-Diözesen Perus. Überall gibt es Frauen und Männer, die sich von Christus angesprochen fühlen und sich auf ihre je eigene Weise auf den Weg des Glaubens begeben. Wir können viel voneinander lernen. Mich beeindruckt immer wieder, wie Christen andernorts trotz vieler Widerstände und Hindernisse ihren Überzeugungen treu bleiben. In den jungen Kirchen erleben wir auch viel Elan und Fröhlichkeit. Das wirkt ansteckend. Diese Bereicherung tut unserer Kirche in der Schweiz gut.
Sr. Maria-Amadea
Kloster Heiligkreuz, Cham
49, Kirchenmusikerin (Orgel B) und Komponistin
Text: Martin Brunner-Artho, Direktor missio Schweiz Ordensfrauen & Abenteuer Die schnellen Füsse Der Weg von Schwester Augusta Stoffel führte zunächst aus den Schweizer Kriegsjahren in die karge Einfachheit Indiens. Eine Begegnung mit einer Frau, die aufgebaut hat. Schwester Augusta Stoffel hat Zeichnungen und Briefe bekommen, einen ganzen Sack voll. Sie stammen von Kindern und Jugendlichen, die in Indien leben. «Stolz, Schüler der Ursulinen zu sein», steht da auf Englisch oder «Herzlich willkommen zu Hause». Zu Hause? «Ja, so ist es», sagt die heute 83-jährige Walliserin. 49 Jahre lang hat die Ordensschwester an verschiedenen Orten in Indien gelebt. Die Blätter stammen aus Schulen, bei denen Augusta in den Jahren zwischen 1962 und 2011 für den Orden der Ursulinen am Aufbau mitgearbeitet hat. Sechs Schulen sind es, bei denen Schwester Augusta Teil der Bauleitung war. Heute werden in diesen 15 000 Kinder unterrichtet. Daneben hat sie junge indische Frauen auf ihren Eintritt in den Orden vorbereitet. Momentan leben 120 Inderinnen als Ursulinen. Zehn Jahre trug Augusta die Verantwortung für die gesamte Ordensregion Indien. «Da war ich, um den Schwestern zu dienen», sagt sie. Es spricht Demut aus ihren Worten und diese Selbstverständlichkeit, mit der Ordensfrauen solche Sätze sagen können. Schwester Augusta lacht verschmitzt. Dann erzählt sie, wie sie in der Leitung bemüht war, hinzuhören statt selbst zu wissen und als Team zu arbeiten. Kamen die Frauen zum Kapitel zusammen, arbeiteten sie mit «vision statements». «Jede unserer Gemeinschaften vor Ort und jede Schwester hat sich Ziele gesteckt und Visionen aufgeschrieben, wie wir nach den Grundsätzen unserer Gründerin den Sendungsauftrag erfüllen können. Was wollen wir heute und jetzt? Das ist sehr wichtig», beschreibt Augusta. Fragt man sie, ob sie nicht eigentlich Projekt-Managerin gewesen sei, sagt sie nur: «Ja, ja, ich war Mädchen für alles». «Mission» heisst für Augusta Stoffel, die christlichen Werte zu leben und sie durch das eigene Leben weiterzugeben. Jemanden zu bekehren, war von Anfang an kein Ziel für sie. «Als ich mich für die Missionen meldete, habe ich der Oberin einen Brief geschrieben. Meine Aufgabe sei gewiss nicht das Taufen oder Lehren, sondern die dienende Liebe für Jesus – so habe ich geschrieben», sagt sie und lacht wieder ihr verschmitztes Lachen. Demütige Worte, die dabei eine so klare Haltung ausdrücken. Bis heute ist es so, dass Kinder in den Schulen der Ursulinen keine Christinnen und Christen sein und auch nicht werden müssen. Die Worte des Briefes sind für Augusta eine «Fundamentsquelle» geblieben, wie sie sagt. «Das ist und bleibt Verkündigung: mein Leben.» Text: Veronika Jehle
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